Ode an das Chaos

Posted by on Jan 12, 2019 in Erfindungen, Sannis Leben | No Comments

Ich gebe zu: ich bin leicht chaotisch. Mein Mann beschreibt mich als jemanden, der es schafft, jedes Hotelzimmer binnen weniger Sekunden in Chaos zu verwandeln. Das klingt deutlich weniger positiv als dafür gerühmt zu werden, ordentlich zu sein. Ordentlich, „speditiv“ und gut organisiert – drei der beliebtesten Adjektive in Schweizer CVs. Hat jeder so zu sein? Ist das das Ziel von Schule und Wirtschaft?

Chaotisch in einem CV? Streng verpönt! Speziell wenn ich hier in der Schweiz erwähne, dass ich eher chaotisch bin, ernte ich oft sorgenvolle und bemitleidende Blicke.

Dabei entspringen oft aus dem Chaos die besten Ideen. Und es gibt Kreativitätstechniken, bei denen man „wild chaotisch“ (manchmal rennend) Ideen sammelt und kreiert. Chaos entsteht, wenn zu viel im Kopf herumwirbelt, und – naja – leider dann auch oft bei mir am Schreibtisch.

Leider? Bereits Albert Einstein fand doch, dass ein leerer Schreibtisch eher verdächtig ist:

If a cluttered desk is a sign of a cluttered mind, then what are we to think of
an empty desk?
Albert Einstein

Etymologisch hängt das Wort mit dem griechischen Verb χαίνω chainō („klaffen, gähnen“) zusammen, bedeutet also ursprünglich etwas wie, „gähnende Leere“. In der Mathematik und Physik ist Chaos ein Zustand nichtlinearer, dynamischer Systeme. Das heisst ohne Chaos keine Neuentwicklung, ohne Chaos keine neuen Ideen. Aus der totalen Organisation und Struktur entsteht keine Innovation. Behaupte ich. Innovation entsteht aus Chaos, Leere und Ruhe.

Ich liebe die Geschichte von Thomas Edisson. Er war ein genialer Erfinder, forschte an zahllosen Dingen, und das sicher nicht strukturiert und „nach Plan“. Er war ein Rebell.

Erfolg hat nur der, der etwas tutwährend er auf den Erfolg wartet.
Thomas A. Edison

Edison ist weithin bekannt als Erfinder der Glühbirne. Aber er war auch wegweisend für viele andere Entwicklungen in den Bereichen Stromerzeugung, Stromverteilung und natürlich Lichtgewinnung. Auch seine Entwicklungen in Telekommunikation sowie Medien für Ton und Bild hatten einen großen Einfluss auf die allgemeine technische und kulturelle Entwicklung. In späteren Jahren entwickelte er wichtige Meilensteine und Verfahrenstechniken für die Bereiche Chemie und Zement.

Er gründete Firmen, schloss Firmen, arbeitete am liebsten mit Freunden, und hasste Strukturen, sofern es nicht jene in seinem Kopf waren. Er forschte und machte vieles gleichzeitig, hatte Spass, und fühlte sich im Chaos genauso wohl, wie er Spass bei der Arbeit mochte. Weltberühmt sein Zitat:

I have not failedI’ve just found 10000 ways that won’t work.
Thomas A. Edison

Inspiriert für mehr Chaos? Oder jedenfalls ein wenig davon?

Obwohl – wenn ich ganz ehrlich bin: So sehr ich den kurzen Zustand des natürlichen Chaoten in mir manchmal geniesse, so genau weiss ich auch, dass ich die Disziplin brauche, es „zu bändigen“. Das ist meine wohl lebenslange Aufgabe. Der tägliche Schritt aus der Komfortzone. In der Schule musste ich.Heute diszipliniere ich die Chaotin in mir aus Respekt vor meiner Familie und vielen anderen (und weil ich mittelfristig selbst nicht gerne im Chaos lebe). Und ich weiss, dass ich mich als Unternehmerin an Strukturen halten muss. Drittens schlägt ja auch ein strukturiertes Herz in meiner Brust. Ich habe Jura aus Überzeugung studiert, und ich liebe logische Schlussfolgerungen. Besonders, wenn die sie meinem Kopf-Chaos entsprungen sind…